„Was guckst du?“ – Blickrichtungen umkehren
In den 1980er und 1990er Jahren stellt lineares Fernsehen ein wichtiges und viel genutztes Medienformat dar. Thematisierungen von Rassismus stellen Ausnahmen dar. Insbesondere alternative Formate über das Internet ermöglichten neuartige Formen des Sprechens und Lernens über Rassismus, neue Wissensspuren eröffneten sich.
Erklärungstext zur Spur:
In den 1980er und 1990er Jahren stellt lineares Fernsehen ein wichtiges und viel genutztes Medienformat dar. Als Talkshow-Gast in der von 1994 bis 2004 auf ProSieben nachmittäglich gesendeten Talkshow „Arabella“ spricht der Rapper Torch mit Arabella Kiesbauer circa 1996 über Rassismuserfahrungen. Das Gespräch kann als eine bemerkenswerte Episode in der Geschichte der Benennung und Analyse von Rassismus im deutschen Fernsehen angesehen werden, die in den 1990er Jahren marginal und zumeist auf Nachrichtenmeldungen begrenzt war. In dem Song „Fremd im eigenen Land“ geht Torch mit seinen Advanced Chemistry-Bandmitgliedern Linguist und Toni-L mit Blick auf Nachrichtenmeldungen u. a. auf die (Nicht-)Thematisierung von Rassismus in Medien ein. Auch Moritz, ein Schwarzer Mann, der im Rahmen der WueRD-Studie interviewt wurde und 1964 in Ostberlin geboren ist, spricht über rassistische Anschläge in den frühen 1990er Jahren und die mediale Berichterstattung. Die Form der Informationsquelle und auch das Berichtwesen über rassistische Gewalt setzt Moritz in Zusammenhang mit dem gesamtgesellschaftlichen Umgang mit Rassismus, den er sarkastisch nachzeichnet. Die wahrgenommene neue Erkenntnis rassistischer Gewalt verwunderte Moritz. Für ihn war der Inhalt, die Meldung rassistischer Gewalt, nichts Neues – neu war aber die Form der Berichterstattung und die öffentliche Zur-Kenntnisnahme. Sowohl die Ausführungen von Torch als auch die von Moritz verweisen jeweils aus einer west- und ostdeutschen Perspektive auf ein Wissen über die Alltäglichkeit und Normalität des Rassismus, die in den 1990er jedoch nur vereinzelt und eher in Form von Nachrichtenmeldungen zum Thema wurde. Moritz macht mit seinen Ausführungen zudem darauf aufmerksam, dass in der DDR wenig oder nicht von Rassismen berichtet wurde, was Rassismus für Personen, die nicht negativ von Rassismus betroffenen sind, als Neuheit habe erscheinen lassen. U. a. die Historiker Patrice Poutrus und Harry Waibel zeigen in ihren wissenschaftlichen Arbeiten und Analysen auf, dass Rassismus in DDR-Medien in der Regel tabuisiert oder als westdeutsches Phänomen gekennzeichnet wurde. Ein Umbruch in der Berichterstattung lässt im Lichte des sogenannten Mauerfalls ab 1990 ausmachen. Zudem zeigt sich ein bedeutsamer Umbruch in der Veränderung der Mediennutzung mit dem Ende der 1990er Jahre in der wachsenden Nutzung des Internets. In seiner Zugänglichkeit war das Internet für die vom Projekt WueRD befragte Meral „ganz wichtig“. In dem Interview mit Meral und in weiteren Interviews wird ersichtlich, welche bedeutende Funktion dem Internet, dem schnellen Finden und Abrufen von Wissen und insbesondere auch marginalisiertem Wissen, zukommt. War es in den 1990er Jahren herausfordernder, in den Austausch zu gehen und kritische Materialien zu erhalten, so hat das Internet v. a. ab den 2000er Jahren neue Kommunikationswege und Wissensaneignung ermöglicht. In dieser Zeit entstanden vielfältige Wissensarchive in Form von Blogs oder Youtube-Beiträgen, etwa durch den Zusammenschluss Kanak Attak. Kanak Attak veröffentlichte zu Beginn der 2000er Jahre beispielsweise mit dem Titel „Was guckst du?“ eine „Anleitung für einen medialen Antirassismus“ sowie einen satirischen Youtube-Beitrag zu der Befragung des Lebens in „weißen Ghettos“. Kanak Attak richtete mehrere Kongresse aus, bspw. im Mai 2002 den Konkret Konkrass auf der Berliner Volksbühne. Mit ihren Beiträgen kehrt Kanak Attak (TV) dominante Blickrichtungen des Sehens und der Sehenden um, nicht Migration und migrantisierte Menschen werden defizitär betrachtet, sondern Rassismen und Weißsein kritisch befragt. Hierin liegen gleichzeitig Kritik und Wissen über rassialiserende gesellschaftliche Ordnungen. Indem Kanak Attak die Perspektive verschoben hat, wurde eine Reflexion darüber ermöglicht, dass gesellschaftliche Zugehörigkeit, Teilhabe und Ausschluss nicht naturgegeben, sondern entlang historischer und sozialer Prozesse hergestellt werden. So eröffnete Kanak Attak neue Räume für Austausch- und Lernzusammenhänge, in denen Rassismen kritisch thematisiert werden konnten.